Es ist Frühling, das Wetter lädt dazu ein, draußen zu sein, Menschen gehen spazieren oder trinken Kaffee in den wiedergeöffneten Bars. Die ersten Sommerkleider sind auf den Straßen von Odessa zu sehen. Fast wirkt es wie ein normaler Sommeranfang, doch niemand geht ans Meer, denn die Strände sind militärisches Sperrgebiet. Sie wurden vermint, um Anlandungen russischer Soldaten zu verhindern. Mehrmals täglich hört man Sirenen, sie warnen vor einem möglichen Luftschlag der russischen Armee.  Die Menschen in Odessa haben sich seit Kriegsbeginn mit der ständigen Gefahr arrangieren müssen – genauso wie mit dem mehrmals täglich tönenden Luftalarm. Er beginnt, wenn eine Rakete von der Krim oder dem Schwarzen Meer abgefeuert wird. Wohin sie dann fliegt, ist ungewiss. Das Sirenenheulen dauert nicht nur über wenige Minuten an, sondern über mehrere Stunden. Ein Großteil der Alarme bleibt ohne Folgen, und auch viele Menschen in Odessa reagieren nicht mehr auf die Sirenen. Sie sagen, wenn sie jeden Luftalarm ernst nehmen würden, könnten sie das Haus gar nicht mehr verlassen.

Es ist der 23 .Mai 2022. Seit dem 9. Mai als das letzte Mal eine Rakete in Odessa getötet hat sind zwei Wochen vergangen. Eine lange Zeit, wenn man seit drei Monaten von Tag zu Tag lebt, nichts vorausplant – denn was morgen ist, ob wir morgen noch sind, ist ungewiss. Dieses „Wir“ habe ich auf den Straßen Odessas, zwischen Panzersperren und Soldaten, aufgefangen – das normal gewordene Leben mit dem Krieg.

„Wir sind positiv eingestellt, wir gehen spazieren, trinken Café, feiern Feste. Wir leben mit dem Krieg im Herzen, aber versuchen, unser gutes Leben zu behalten“, erzählt Alina. Sie versucht, im Moment zu leben und nicht zu viel an die Zukunft zu denken, der Krieg kann noch drei Monate gehen oder ein ganzes Jahr. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt ihr derzeit nicht. Neben ihrer Arbeit als Lehrerin engagiert sie sich nun noch als Ehrenamtliche bei der Verteilung von Hilfsgütern und Munition in ihrer Freizeit. „Das hilft mir, nicht in schlechte Gedanken zu versinken“, sagt sie.
Ein Brautpaar auf dem Weg zum Hochzeitsfoto durch die Stadt, Die Fensterscheiben des Fastfood-Restaurants sind vor möglichen Explosionen mit Holzplatten geschützt.
Juliana hat wieder angefangen zu rauchen, es sind schwierige psychische Auf und Abs, die sie jeden Tag durchlebt. Inzwischen kann sie besser damit umgehen – sie weiß nun, sie muss die Tiefpunkte durchstehen, danach geht es wieder bergauf. Sie hat große Angst vor den Sirenen. Wenn sie sich mit Freund:innen trifft, fühlt sie sich unwohl, da sie die Orte nicht so gut kennt, Sie weiß dann nicht wohin sie flüchten kann. Odessa zu verlassen ist für sie keine Option: „Ich schlafe lieber in meinem eigenen Haus, in meinem Bett.“
Straßen sind belebt trotz Luftalarm. Neben den fest installierten Sirenen warnen Apps oder der Smartphone Betreiber vor einem möglichen Luftangriff. Um nachts durchschlafen zu können, schalten viele Menschen die App jedoch stumm oder löschen sie sogar.
Wenn der Luftalarm beginnt, schließt Nastija die Fenster und versucht, die Sirenen zu ignorieren. Nach Kriegsbeginn ist sie mit ihrer Familie nach Deutschland geflohen. Nun ist sie zurück in Odessa, die Sehnsucht nach ihrem Freund und ihren Katzen hat sie krank gemacht, meint sie. Arbeit hat sie momentan keine, sie fühlt sich ein bisschen wie in den Sommerferien.
Menschen in der Straßenbahn blicken sehnsüchtig auf den gesperrten Strand. Statt Strandtücher liegen dort nun
Minen. Den Strand zu fotografieren ist verboten.
Am 24. Februar läutete früh um 5 Uhr Eugens Handy: Es war sein Kollege, er war betrunken. Eugen wollte ihn daran erinnern, dass sie in wenigen Stunden die Bar, in der beide arbeiteten, wieder öffnen müssen. Sein Kollege erwiderte daraufhin, er solle den Fernseher einschalten, die Bar würde vorerst nicht wieder öffnen. Ohne festes Einkommen wird die finanzielle Situation in der Familie jedoch immer schwieriger, auch seine Mutter und sein Stiefvater sind seit Kriegsbeginn arbeitslos.
Die großen Hauptstraßen der Innenstadt sind mit Panzersperren blockiert. Die Oper, das Wahrzeichen der Stadt ist nicht zugänglich und ein Blick auf sie kann nur über die Sandsäcke hinweg erhascht werden. Auch da ist Fotografieren verboten.
Für Wadislav hat sich seit Kriegsbeginn nicht viel verändert. Er arbeitet weiterhin als Pflegekraft. Von seinem Fenster aus sieht er auf das Meer. Als er zum Joggen an den Strand gehen wollte, wurde er von Soldaten aufgehalten. Wegen der Minen am Strand musste er seine morgendliche Laufroute ändern.
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Vadim hat vor dem Krieg als Sportlehrer an einer Privatschule gearbeitet. Jetzt kümmert er sich um die Katzen, die Menschen zurückgelassen haben, als sie aus dem Land geflohen sind. Ob und wann die Besitzer wieder kommen, weiß er nicht. Dass im einundzwanzigsten Jahrhundert noch in so einer Form Krieg geführt wird, macht für ihn überhaupt keinen Sinn.
Die ersten zwei Wochen des Krieges hat Grom in Jeans und Jacke geschlafen, jederzeit bereit, in den Luftschutzbunker zu flüchten. Seitdem er gesehen hat, wie die Luftabwehr Raketen über Odessa abgeschossen hat, fühlt er sich sicher, er reagiert kaum mehr auf den Luftalarm. Außerdem glaubt er nicht, dass die russischen Soldaten so weit gehen würden, das historische Stadtzentrum zu zerstören. In seiner freien Zeit spielt er Counter-Strike. dabei hat er auch Kontakt mit Russen. Sie reden über den Krieg und meinen, dass Putin das Richtige tut.
Am Osterwochenende wurde dieses Wohnhaus bei einem Raketenangriff getroffen. Acht Menschen darunter ein drei Monate altes Kind sind dabei gestorben. Das Haus wird nun wieder aufgebaut.
Damir hat die russische und die usbekische Staatsbürgerschaft. Er lebt in St. Petersburg und studiert dort Medizin, zurzeit ist er in Odessa für ein Auslandsemester. Solange die Universität nicht wieder öffnet und er sein Zeugnis nicht bekommt, kann er die Ukraine nicht verlassen. Nur wegen seinem usbekischen Pass darf er im Land bleiben. Wenn er spricht, hört man ihm seine russische Herkunft an. Er traut sich oft nicht, in der Öffentlichkeit mit Menschen zu sprechen. Viele begegnen ihm misstrauisch – die Angst vor russischen Deserteuren in Odessa ist groß.
Obwohl große Ansammlungen gemieden werden sollten, herrscht auf den Märkten reges Treiben. Soldaten sind an den Eingängen postiert.
Noch fünf Jahre muss Costa zur Schule gehen, bis er ein fertig ausgebildeter Koch ist und auf einem Fischereischiff arbeiten darf. Die Schule ist seit dem Krieg einfacher geworden, alle Prüfungen finden online statt und man kann besser schummeln. Costas enge Familie ist in Odessa geblieben, weswegen er die Stadt auch nicht verlassen will.
Dennis hat keine militärische Ausbildung, er darf nicht zur Armee, aber auch nicht das Land verlassen. Arbeit als Seemann findet er zurzeit auch nicht. Am Vorabend des Krieges sollte sein Schiff eigentlich auslaufen. Sobald die Sirenen losgehen fängt sein 3-jähriger Sohn an zu rufen: „Alarm, Alarm, wir müssen an einen sicheren Ort“. Auf der Straße weiß er, dass er nichts anfassen darf, da es sich um versteckte Bomben handeln könnte. „Ist das normal, für so ein kleines Kind?“, fragt Dennis.
Odessas malerisches Stadtbild und der Sommeranfang lädt Jung und Alt zum verweilen im Stadtgarten ein.
Evgenijas Familie ist nach Deutschland geflohen, sie selbst musste zurückbleiben, da ihr Rucksack gestohlen wurde – samt Tätowier-Equipment, ihrem Arbeitswerkzeug, und Reisepass. Nun wartet sie in Odessa auf ihre neuen Papiere, um zu ihrer Familie zu gelangen. Bis dahin versucht sie nach vorne zu schauen und mit ihren Freunden ein wenig Normalität in diesen Sommeranfang zu bringen.
Eine Straßenbahn fährt kurz vor der Sperrstunde zwischen Panzersperren zurück in den Bahnhof. Auf dem Plakat steht: „Droht Separatismus?“
22:00 Uhr, die Sperrstunde beginnt und die Straßen sind schlagartig leer. Mit den patrouillierenden Soldaten sei nicht zu spaßen, heißt es.

Das Süddeutsche Zeitung Magazin berichtet darüber: