
Meterhohe Zäune, eingeschlossen wie in Käfige, ganz im Norden Marokkos:
Da liegen sie, die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla. Einst waren die Grenzen hier durchlässig. Sowohl Europa als auch Afrika profitierten von guten Handelsbedingungen und billigen Arbeitskräften auf der einen, sowie günstigem Warentransfer auf der anderen Seite. Doch seit den neunziger Jahren wachsen die Zäune immer weiter in die Höhe. Europa schottet sich ab. Von Afrika und von all den Menschen, die auf dem alten Kontinent ein sicheres, besseres Leben suchen. Mehrere Tausend Menschen versuchten 2024 über Melilla und Ceuta nach Europa zu kommen. Wer schwimmen kann, versucht es über das Wasser. Andere klettern über den Zaun. Selten gelingt es beim ersten Versuch. Menschen erzählen wie sie es nach zwei Jahren und 25 Versuchen schließlich geschafft haben.








Es wäre leicht, die in Nordafrika liegenden Städte Ceuta und Melilla als Opfer ihrer Geografie zu bezeichnen. Folgenschwer sind aber immer nur die politischen Entscheidungen, die Menschen aufgrund einer bestimmten geografischen Lage treffen. Die drei großen Seefahrernationen Europas, die antiken Griechen, später die Portugiesen und Spanier, waren immer an den Ländereien rund um die Meerenge von Gibraltar interessiert. Noch heute ähnelt das Wappen der spanischen Stadt Ceuta frappant dem Staatswappen Portugals.
Das anhaltende Interesse der Kolonialisten zeigt sich auch dadurch, dass Ceuta und Melilla bisher alle Dekolonialisierungswellen „überlebten“, noch immer unter spanischer Kontrolle stehen und Madrid hunderte Millionen in die Abschottung der Städte vom Rest Afrikas zu buttern bereit ist – schließlich ist der Sehnsuchtsort EU(!)ropa nirgendwo so nah wie hier.
In der globalisierten Welt von heute, haben auch Ceuta und Melilla längst ihre strategische Bedeutung für Spanien verloren. Jahrhundertelange Injektionen spanischen Nationalstolzes, haben die Exklaven aber mit derart viel Prestige aufgeladen, dass man weder vor noch zurück kann. Und so versucht man allem Ärger zum Trotz den Status quo zu erhalten. So bleiben die Exklaven ihrem Wortursprung entsprechend „ausgeschlossene“, aber eben doch „eigene Gebiete“ auf Kontinenten, die zusammenwachsen sollten, aber künstlich getrennt werden.
-Fabian Sommavilla
Kontakt: Fabian.sommavilla@derstandard.at
Fabian Sommavilla ist Redakteur bei der österreichischen Tageszeitung Der Standard im Ressort Außen-
politik. 2021 veröffentlichte er „55 kuriose Grenzen und 5 bescheuerte Nachbarn“ im KATAPULT-Verlag.
Ceuta und Melilla sind zwei spanische Städte im Norden Afrikas, die aufgrund ihrer Vielfalt und ihrer komplexen sozialen Realitäten immer wieder als Laboratorien des Zusammenlebens und der interkulturellen Beziehungen bezeichnet werden. Sie haben eine Einwohner*innenschaft, die etwa je zur Hälfte aus Spanier*innen iberischer und marokkanischer Herkunft besteht. Zudem gibt es eine große Zahl von Marokkaner*innen, die in den Städten leben oder täglich zum Arbeiten dorthin pendeln. Die Tatsache, dass es in beiden Städten zahlenmäßig recht kleine jüdische und hinduistische Gemeinden gibt, deren Mitglieder mehrheitlich spanische Staatsbürger*innen sind, bildet die Grundlage für den Diskurs der Convivencia, des „harmonischen Zusammenlebens der vier Kulturen“. Dieser dient allerdings eher dazu, reale Machtstrukturen und Ungleichheiten zu verdecken, als für eine wirkliche Gleichstellung aller Stadtbewohner*innen zu sorgen.
Während Ceuta und Melilla in den letzten Jahren vor allem aufgrund der Migration über die dortige EU-Außengrenze im Fokus der internationalen medialen Aufmerksamkeit standen, befindet sich auch die dort längerfristig ansässige Bevölkerung in relevanten Veränderungsprozessen. So deutet die demographische Entwicklung darauf hin, dass der muslimische Teil der Bevölkerung bald die Mehrheit stellen wird und sich damit die Machtbalancen im Grenzraum stetig verschieben. Die iberisch-christliche Bevölkerung sieht ihre angestammte Machtposition in Gefahr. Dies schlug sich zuletzt u.a. in Ceuta in deutlichen Wahlerfolgen der rechtspopulistischen und antimuslimischen Partei VOX nieder, die dort bei den Kongresswahlen in 2019 und 2023 jeweils ihr bestes Ergebnis in ganz Spanien erzielte.
Konstruktionen von Zugehörigkeit finden im Grenzraum Ceuta und Melilla häufig über historische Verortungen statt: Sind es die Zweite Spanische Republik (1931-1936/1939) oder die antikoloniale Rif-Republik, die über 500-jährige Präsenz Spaniens in Nordafrika oder die Proteste für die Einbürgerung marokkanischer Stadtbewohner*innen in den 1980er Jahren, die als erinnernswerte und identifikationsstiftende Momente verstanden werden? Eng verbunden mit diesen historischen Bezügen sind solche auf ethnische, nationale und religiöse Kategorien: Amazigh oder Araber*in, Spanier*in oder Marokkaner*in, Christ*in oder Muslim*in?
Diese Zugehörigkeiten und Verortungen befinden sich in stetigen Aushandlungsprozessen. So verdichten sich in Ceuta und Melilla aufgrund der spezifischen geographischen und geopolitischen Situation Fragen von diversen Zugehörigkeiten, vielfältigen historischen Bezügen und entsprechenden Erinnerungspraktiken, die sich auch an vielen anderen Orten stellen und deren Relevanz über die konkrete postkoloniale Situation des „spanischen Nordafrika“ hinausreicht.
-Dr. Eva Bahl
Kontakt: Eva.bahl@ruhr-uni-bochum.de
Bahl, Eva (2021) Verflochtene Geschichten im postkolonialen Grenzraum. Biographien, Zugehörigkeiten und Erinnerungspraktiken in Ceuta und Melilla. Göttingen: Göttingen University Press. (Göttingen Series in Sociological Biographical Research) DOI: 10.17875/gup2021-1600

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© Per Jakob Blut

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